Ein wenig komalastig...Nun, wie dem auch sei, viel Spass!
Botschaft des Todes
Rot schimmerte das Blut, bot einen scharfen Kontrast zu den weissen Arbeitsflächen, welche sich an den Herd anreihten.
Ja, seit hier Blut geflossen war, war die Küche nicht mehr ganz so sauber wie vorher. Aber was spielte das für eine Rolle? War sie überhaupt je richtig sauber gewesen? Irgendwo war doch immer etwas Dreck gewesen, der sich hartnäckig an Ort und Stelle festklammerte und nur mit hochgiftigem Putzmittel los zu werden war.
Wie sie.
Sie war auch nur mit Hilfe eines scharfen Messers entsorgt worden, lag nun leblos auf den Holzdielen, während die rote Flüssigkeit sich ihren Weg über ihren Körper suchte und in den Ritzen zwischen den Dielen ihre Ruhe fand.
Erleichtert lächelte John.
Endlich war sie zum Schweigen gebracht worden, endlich würde sie aufhören, ihm Botschaften zu schreiben, ihn nicht mehr länger mit diesen kleinen Zettel verrückt machen – Es hatte ein Ende. Sie war weg gewischt wie die Flecken, die dreckigen, nervigen Flecken.
Rücksichtslos packte John ihren blonden Haarschopf, der vom Blut noch praktisch unberührt war, und hob sie dann leicht an, um sie aus der Küche zu schleifen. Ihr zierlicher Körper, der wie der einer Puppe wirkte, hinterliess eine rote Blutspur.
Wütend grummelte John. Selbst wenn sie tot war, ging sie ihm auf die Nerven.
Er schaffte sie ins Badezimmer und legte sie unvorsichtig in die kleine Badewanne. Erneut zückte er sein scharfes Messer, welches er bei dem Überfall auf sie vorher verwendet hatte, und begann, ihr weitere Schnitte zu zufügen.
Jegliches Blut musste ihren Körper verlassen. Nur so konnte er sie unbemerkt aus der Wohnung schaffen.
Nachdem er mit seiner Arbeit, wie er es gerne nannte, fertig war, liess er das Blut fliessen und stellte den Duschhahn an. Er liess das Wasser eiskalt laufen, in der Hoffnung, es würde eher zur Leichenstarre verhelfen, doch eigentlich hatte er keine Ahnung, ob das funktionierte.
Gelassen wusch er sich die Hände, trocknete sie ab und verliess das Badezimmer. Die Tür schwang mit einem leisen Klicken hinter ihm ins Schloss und vermittelte ihm fast schon das Gefühl, die Sache wäre abgeschlossen. Doch noch war es nicht so weit.
Eigentlich wollte er sich nun auf den Balkon setzten, und sich eine Zigarette gönnen, doch so weit sollte es nicht kommen. Gerade als er über die Schwelle nach draussen treten wollte, sprang ihm ein schwarzer Fetzen Papier ins Auge, der, wie es schien, belanglos vor der Schwelle zu liegen schien.
„Nein!“, flüsterte John entsetzt und Wut stieg in ihm auf. Das durfte nicht wahr sein! Mit zittrigen Händen ging er in die Knie und griff nach dem Stück Papier. Einmal konnte er es auseinander falten, dann stachen ihm auch schon rote Buchstaben ins Auge.
„Du hast deine Frau getötet. Und, geht es dir jetzt besser?“
Fahrig fuhr John mit den Fingern über das getrocknete Blut, welches sich zu unheilvollen Buchstaben zusammen setzte. Hatte sie geahnt, dass er sie töten würde und im Voraus noch weitere Botschaften versteckt, um ihn endgültig in den Wahnsinn zu treiben?
Was für ein arrogantes, hinterhältiges Miststück.
Zornig holte John aus und eine Sekunde später krachte seine Faust auf das Glas der Balkontüre, welche sich unter dem Druck in unzählige kleine Scherben verwandelte und damit Johns Hand verletzte. Fluchend sprang er auf, eilte ins Badezimmer.
Seine tote Frau starrte ihn aus der Badewanne heraus an, die Augen vor Schreck aufgerissen und doch leblos.
„Du dumme Kuh!“, schrie er sie an. „Womit habe ich das verdient!?“
Doch sie antwortete nicht. Wie auch, sie war schliesslich tot.
Es war dunkel draussen.
Alles schien ein Eigenleben zu führen, die Nacht füllte Johns Umwelt mit einer ungreifbaren Kälte, wie sie in einer Sommernacht selten zustande kam.
Johns Auto rumpelte unsanft über den unebenen Waldweg, umgeben von Dunkelheit. Die Scheinwerfer hatte er nicht angelassen. Er wollte kein Aufsehen erregen und überhaupt musste die Sache schnell gehen. Er durfte weder zögern, noch sonst irgendeinen Fehler begehen, sonst war alles aus.
Er fuhr stundenlang.
Immer tiefer in den Wald hinein. Einmal hatte er ein Tier überfahren, nur was es gewesen war, wusste John nicht. Er hatte keine Zeit gehabt, um anzuhalten und nachzusehen. Bald würde es dämmern und dann war es zu spät. Und es durfte nicht zu spät sein. Also gab er noch mehr Gas, achtete nicht darauf, was für ein Schaden sein Auto aufgrund der rücksichtslosen Fahrweise nahm.
Hell loderte das Feuer, brannte ohne Gnade alles nieder.
Auch ihren Körper, den blutleeren Körper, den er mit viel Mühe hierher transportiert hatte und der nun lichterloh brannte, vom Feuer zerfressen wurde und einen unangenehmen Gestank verbreitete.
Lange würde es nicht mehr dauern, bis nichts mehr von ihr übrig blieb, bis auf einen Haufen Asche. Er hatte gesiegt. Auf ganzer Linie. Bald würde er sich auf die Schulter klopfen können.
Zu Hause angekommen, stieg er erst einmal in die Dusche, die an einzelnen Stellen immer noch von ihrem Blut geziert wurde. Auch der Flur und die Küche waren noch unsauber. John würde putzen müssen. Aber das war es ihm wert.
Seine Frau war tot. Ja. Erstochen und verbrannt, elendig verreckt. Und es war sein Werk.
John war stolz auf sich.
Es hatte lange gedauert, die Wohnung von ihren Resten zu befreien.
Aber endlich konnte auch er sich zur Ruhe legen, sich in das weiche Bett fallen lassen und die Sorgen der letzten Wochen abschütteln. Seufzend liess er sich auf die Matratze sinken, legte sich auf den Rücken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, um sich die Zimmerdecke anzusehen.
Doch...
Irgendetwas stach ihm in den Rücken.
Es tat nicht weh, keinesfalls. Es war mehr ein unangenehmes Pieksen, wie wenn man von jemandem gestupst wurde. Ohne nachzudenken griff John nach unten und griff hinter seinen Rücken. Seine Finger bekamen etwas stumpfes, sanftes zu fühlen und er zog es hervor.
Ein weiterer Zettel.
Sein Herz schien auszusetzten, während er den Zettel anstarrte. Auch er war klein, handlich und einmal zusammen gefaltet, wie all die anderen Zettel, die er in den letzten Wochen der Qualen überall in seinem Haus gefunden hatte.
John sprang auf, verliess das Schlafzimmer, nur um sein kleines Büro auf zusuchen.
Er riss die erste Schublade seines Schreibtisches auf und holte eine Unmenge der Zettel hervor, die er alle darin verstaut hatten. Überall standen verschiedene Nachrichten drauf, jede an ihn persönlich gerichtet, jede holte ein Stück seines Selbst aus ihm heraus und zauberte es auf einen kleinen Fetzen Papier.
John sank auf die Knie, fuhr mit den Fingern durch den Zettelberg und las die Nachrichten noch einmal.
"Ich weiss, was du getan hast."
"Du wirst es nicht vergessen können."
"Auch du wirst sterben."
"Du hast getötet!"
"Stirb, Missgeburt."
"Verreck!"
"Schläfst du nachts noch gut?"
"Schläfst du überhaupt?"
"Ich bin da. Ich lauere dir auf."
"Ich werde dich töten."
"Und ich weiss immer noch, was du getan hast."
"Dafür büssen wirst du."
John stoppte.
Er konnte nicht mehr. Er konnte keinen einzigen, weiteren Zettel mehr lesen, sonst würde er durchdrehen.
Es war vorbei! Seine Frau, die ihm die Zettel geschrieben hatte, war tod. Sie würde ihm nichts mehr anhaben können.
Zu aufgewühlt, um einzuschlafen, setzte er sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Die Nachrichten liefen und die blonde Nachrichtensprecherin erinnerte ihn unwillkürlich an seine Frau, welche jetzt normalerweise mit ihm zusammen auf dem Sofa gelegen hätte.
"Und immer noch wird der Mörder des siebenjährigen Justin gesucht, der vor knapp einem Monat in der Nähe von Berlin von einem Unbekannten überfahren wurde. Der dreiste Mörder oder die Mörderin, begann Fahrerflucht, woraufhin der Junge verblutete. Die Eltern des verstorbenen Kindes sind verzweifelt und bitten..."
John schaltete den Fernseher aus. Seine Stirn traf seine beiden Hände wieder und er verweilte ihn jener Position, während die Bilderflut in seinem Kopf sich nicht stoppen liess.
Er fuhr zu schnell, viel zu schnell.
Aber es interessierte ihn nicht. Der einzige Gedanke, der momentan von ihm Besitz ergriff, war endlich, nach einem langen, mühsamen Arbeitstag nach Hause zu seiner Frau zu kommen.
Staub wirbelte auf, während er weiter beschleunigte und den schmalen Feldweg entlang raste. Erst zu spät erkannte er due schmächtige Gestalt, die sich mit ihrem Hund auf dem Weg aufhielt und mit ihm zu spielen schien.
John trat auf die Bremse, doch der Wagen schlitterte unbeirrt weiter, erfasste den kleinen Jungen und den Hund, die blauen, vorwurfsvoll blickenden Augen brannten sich tief in sein Hirn und frassen sich ihren Weg zu seinem Herz.
Er keuchte auf.
Ja, er war es gewesen. Er hatte den Jungen überfahren. Er war dannach geflüchtet.
Aber doch nur Angst! Ja, Angst hatte er gefühlt, unbändige Angst, die wie Gift in seinen Venen pulsiert hatte.
Mit einem Male konnte er so klar denken, wie schon lange nicht mehr.
Sein Blick war auf seinen Arm gefallen, auf die Beuge. Eigentlich hatte er sich verboten, genau dort hinzuschauen.
Dort befand sich nämlich der lange Riss, denn er immer wieder aufschnitt, um zu bluten.
Um mit einer altmodischen Feder in das klare Blut zu tauchen und damit schwarzes Papier mit Nachrichten zu benetzten.
John hatte sich die Nachrichten selbst zugelegt.
Es war nicht seine Frau gewesen.
Er hatte sich selbst wahnsinnig werden lassen, denn die Schuldgefühle hatten ihn innerlich verbluten lassen, forderten Revanche und Rache für den kleinen Justin.
Er wusste, wo sich der letzte Zettel befand.
Das Spiel war gespielt und es war an der Zeit, den letzten Zug zu spielen, um es vollständig zu beenden. Hatte er gewonnen? Oder verloren in diesem Spiel ohne Regeln?
Rasch hatte sich John vom Sofa erhoben und sich der Kommode genähert, die ihn unheilvoll anzustarren schien.
Er hatte nicht gewonnen...nein. Wenn er gewonnen hätte, würde doch seine Frau noch leben?
John zog die Schublade auf und blickte auf die Pistole, an der die letzte Nachricht hing, die er nicht einmal auseinander falten musste.
"Töte dich."
Entmutigt seufzte er auf. Die ganze Putzerei war für nichts gewesen, wenn er jetzt starb und doch schien es ihn letztendlich nicht weiter zu kümmern, als seine Hand sich um den Griff schloss.
Er schob sich den Lauf in den Mund und...
John Meyers hatte das Spiel verloren. Das Gift hatte den Weg von den Venen zum Herz gefunden und nun war er tot.
Drei tote Menschen, zwei davon unschuldig. Was für lustige Wege das Schiksal doch geht.
Er war tot.





